06.08.2026

Green Storytelling:

Warum nachhaltige Geschichten so wichtig sind wie nachhaltige Filmproduktionen

„Wir können nicht einfach so tun in den Filmen, die wir sehen oder drehen, als würde es die Klimakrise nicht geben, als hätten wir keine Probleme mit Artensterben, als hätten wir keine Probleme mit Biodiversitätsverlust.“
Julia Dordel, Drehbuchautorin und Mitgründerin der Green Storytelling Initiative, im Interview mit dem NDR.

Die Film- und Fernsehbranche hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte beim Green Shooting gemacht. Klimafreundliche Mobilität, ressourcenschonende Ausstattung oder die Bilanzierung von Treibhausgasemissionen gehören heute bei vielen Produktionen zum Standard.

Doch nachhaltiges Filmemachen beginnt nicht erst am Set. Es beginnt bereits mit der Entwicklung einer Geschichte.

Hier setzt Green Storytelling an. Der Ansatz versteht Nachhaltigkeit nicht als zusätzliches Thema, sondern als Bestandteil moderner Erzählungen. Denn Filme und Serien prägen unser Bild davon, wie Menschen leben, arbeiten, reisen oder konsumieren – und damit auch unsere Vorstellung davon, was „normal“ ist.

Mehr als eine Klimageschichte

Green Storytelling bedeutet nicht, dass jede Produktion vom Klimawandel handeln muss. Vielmehr geht es darum, Nachhaltigkeit glaubwürdig in Erzählungen einzubinden. Eine Ermittlerin fährt mit dem Zug zum Einsatz. Im Café werden Mehrwegbecher genutzt. Eine Familie lässt ihren Staubsauger reparieren, statt einen neuen zu kaufen. Auf dem Esstisch stehen saisonale Lebensmittel, das Büro wird mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht. Solche Details wirken beiläufig – und genau deshalb entfalten sie Wirkung.

Studien aus der Kommunikationsforschung zeigen, dass Geschichten Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen können. Was Zuschauer*innen regelmäßig auf dem Bildschirm sehen, wird häufig als gesellschaftliche Normalität wahrgenommen. Green Storytelling nutzt dieses Potenzial, ohne belehren zu wollen.

Green Storytelling beginnt bereits beim Drehbuch

Je früher Nachhaltigkeit in der Stoffentwicklung berücksichtigt wird, desto größer sind die Gestaltungsmöglichkeiten.

Die MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, ein langjähriger Kunde von KlimAktiv, hat dazu einen praxisnahen Leitfaden Green Storytelling veröffentlicht. Er richtet sich an Autor*innen, Produzent*innen und Redaktionen und zeigt anhand konkreter Fragen und Beispiele, wie ökologische Aspekte bereits bei der Entwicklung von Figuren, Drehorten oder Handlungsabläufen mitgedacht werden können.

Auch der Planet Placement Guide von BAFTA albert in Kooperation mit Futerra zeigt auf, wie Film- und Fernsehcontent dabei helfen kann, das Bewusstsein für den Klimawandel zu schärfen, indem Nachhaltigkeitsbotschaften in die Inhalte eingefügt werden, die wir auf unseren Bildschirmen sehen.

Ergänzend hat die Green Storytelling Initiative eine Green Storytelling Checklist entwickelt. Sie unterscheidet drei Ebenen des Green Storytellings und macht deutlich, dass Nachhaltigkeit sowohl die erzählte Geschichte als auch die spätere Produktion beeinflussen kann:

Pragmatisches Green Storytelling
Drehbuchentscheidungen unterstützen eine ressourcenschonende Produktion – beispielsweise durch weniger Ortswechsel, kürzere Reisewege oder den Verzicht auf besonders energieintensive Szenen.

Implizites Green Storytelling
Nachhaltigkeit wird selbstverständlich Teil der erzählten Welt. Sie bildet den Hintergrund der Geschichte, ohne selbst Thema zu sein. So bieten z.B. Krimiformate wie Tatort, SOKO oder Großstadtrevier zahlreiche Möglichkeiten, da sie in einer realitätsnahen Alltagswelt spielen und gesellschaftliche Wirklichkeiten abbilden. Die Aufmerksamkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer richtet sich auf den Kriminalfall, während nachhaltige Elemente unaufdringlich in das Setting integriert werden können. Aufgrund ihrer großen Reichweite und der wiederkehrenden Figuren und Schauplätze können diese Darstellungen langfristig als selbstverständlicher Bestandteil des Alltags wahrgenommen werden. 

Explizites Green Storytelling
Klima-, Umwelt- oder Biodiversitätsthemen stehen im Mittelpunkt der Handlung und werden bewusst erzählt. Ein Beispiel ist die deutsch-französische Serie A Thin Line, in der Klimaaktivismus, digitale Überwachung und gesellschaftliche Verantwortung im Mittelpunkt stehen. Auch Der Schwarm, nach dem Roman von Frank Schätzing, erzählt von den Folgen menschlicher Eingriffe in marine Ökosysteme und stellt die Beziehung zwischen Mensch und Natur ins Zentrum der Geschichte. Der Leitfaden Green Storytelling der MOIN Filmförderung, der Planet Placement Guide und die Green Storytelling Checklist bieten Filmschaffenden praktische Hilfestellungen, Nachhaltigkeit bereits in der Stoffentwicklung mitzudenken.

In der Produktion kann Anpassung an den Klimawandel gezeigt werden

Neben dem Klimaschutz gewinnt auch die Anpassung an den Klimawandel zunehmend an Bedeutung. Filmproduktionen können diese Entwicklung sichtbar machen, ohne sie ausdrücklich zum Thema der Handlung zu machen. Hier haben Kostüme, Ausstattung und Kulisse eine wichtige Nebenrolle.  Während Klimaschutz durch aktive Handlungen im Drehbuch eingebunden wird, kann Anpassung im Hintergrund gezeigt werden. Sonnenhüte, helle Kleidung, die Wasserflasche aus Metall als Teil des Kostüms zählen ebenso dazu, wie Beschattungselemente, begrünte Fassaden oder Balkonkraftwerke als Kulisse der Handlung. 

Green Storytelling und Green Shooting gehören zusammen

Nachhaltigkeit vor und hinter der Kamera lässt sich nicht voneinander trennen.

Green Storytelling beeinflusst, welche Geschichten erzählt werden. Green Shooting bestimmt, wie diese Geschichten produziert werden.

Viele Entscheidungen im Drehbuch haben unmittelbare Auswirkungen auf den Ressourcenverbrauch einer Produktion. Weniger Drehorte, kürzere Reisewege, der Verzicht auf aufwendige Spezialeffekte oder die Nutzung vorhandener Kulissen können den ökologischen Fußabdruck deutlich reduzieren.

Klimawirkung sichtbar machen

Damit nachhaltige Entscheidungen nicht nur auf Annahmen beruhen, sondern messbar werden, braucht es belastbare Daten.

Mit dem Green Shooting Rechner von KlimAktiv können Produktionsunternehmen die Treibhausgasemissionen ihrer Film- und Fernsehproduktionen systematisch erfassen und auswerten. Mobilität, Energie, Unterkünfte, Catering, Materialien und weitere Emissionsquellen werden transparent bilanziert. Die Ergebnisse zeigen, wo die größten Einsparpotenziale liegen und welche Maßnahmen die größte Wirkung entfalten.

Gerade in Verbindung mit Green Storytelling entsteht so ein ganzheitlicher Ansatz: Bereits während der Planungsphase lassen sich Produktionsentscheidungen auf ihre Klimawirkung hin überprüfen und unterschiedliche Szenarien vergleichen. Nachhaltigkeit wird dadurch von Anfang an Bestandteil des kreativen und organisatorischen Prozesses.

Fazit

Die Filmbranche verfügt über ein besonderes Potenzial: Sie kann nicht nur ihre eigenen Emissionen reduzieren, sondern auch Millionen Menschen mit ihren Geschichten erreichen.

Green Storytelling und Green Shooting verfolgen das gemeinsame Ziel einer nachhaltigen Zukunft. Der Green Shooting Rechner von KlimAktiv unterstützt Produktionsunternehmen dabei, diesen Weg datenbasiert zu begleiten – von der Planung bis zur fertigen Produktion. 

 

© Bild: KlimAktiv

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