04.08.2026

Christian Vater von der Caritas Köln im Interview

Nachhaltigkeit ist im Zukunftsbild des Caritasverbands für die Stadt Köln fest verankert. Seit 2023 begleiten und unterstützen wir von KlimAktiv die Caritas Köln bei der CO2-Bilanz, mit unserem CO2-Rechner.PRO und mit unserer Beratung bei der Berechnung des Corporate Carbon Footprints.

2024 wurde die Caritas Köln mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Pflege und Soziale Dienste“ ausgezeichnet. Damit würdigte die Jury ein Engagement, das soziale Verantwortung und Klimaschutz konsequent miteinander verbindet. Wir sprechen mit Dr. Christian Vater, Stab Nachhaltigkeitsmanagement bei der Caritas Köln, über Klimaschutz und Klimafolgen im sozialen Bereich und seine Vision für die Zukunft.

KlimAktiv (KA): Der soziale Bereich ist vom Klimawandel gleich doppelt betroffen, einerseits leiden oft ältere oder motorisch eingeschränkte Menschen besonders stark unter der Hitze, andererseits ist auch für die Pfleger*innen die zusätzliche Belastung bei hohen Temperaturen enorm. Welche konkreten Auswirkungen des Klimawandels erleben Sie bereits heute in den Einrichtungen der Caritas und wie gehen Sie damit um?

Christian Vater (CV): Konkrete Auswirkungen des Klimawandels sind die häufigeren Hitzeperioden. Aufgrund der aktuellen Hitzeperioden haben wir unser Hitzeschutzkonzept nochmals überarbeitet und diverse Ad-hoc-Maßnahmen ergriffen. Systematisch befassen wir uns mit dem Thema Klimafolgenanpassung im Rahmen unseres Klimaschutzkonzeptes. Dieses sieht als eine Maßnahme die Erstellung eines Konzepts zur Anpassung an den Klimawandel vor. 

KA: Gibt es Maßnahmen, die sich im Alltag Ihrer Einrichtungen besonders bewährt haben – etwa beim Hitzeschutz oder beim Energiesparen?

CV: In den aktuellen Hitzeperioden war die Kombination verschiedener klassischer Hitzeschutz- und Klimaschutzmaßnahmen erfolgreich. Dazu gehören unter anderem die Sicherstellung einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr, die Beachtung der Zusammensetzung von Nahrung und Getränken, die Berücksichtigung von Medikamentenwirkungen sowie Maßnahmen zur Raum- und Umfeldgestaltung (z.B. durch Lüften, Verschattung, Klimatisierung bestimmter Räume oder die Anpassung der Beschäftigungsangebote). Zukünftig wird die Klimatisierung der Einrichtungen eine größere Rolle spielen. Der Einbau von Klimaanlagen ist im Hinblick auf den Klimawandel kritisch zu sehen. Wir bemühen uns deshalb auch um die Kombination von Klimatisierung mit eigenen PV-Dachanlagen und um die Realisierung von naturbasierten Lösungen (Entsiegelung, Fassaden- und Dachbegrünung). 

Beim Thema Energiesparen machen wir gute Erfahrungen mit der im Jahr 2025 erfolgten Einführung eines Energiemanagementsystems nach DIN 50001. Hier entsteht ein Kreislauf aus Maßnahmendurchführung, Bewertung und Nachsteuerung, der Energieeinsparung zu einem kontinuierlichen Thema macht.

KA: Wie sensibilisieren Sie Mitarbeitende und Bewohner*innen für nachhaltiges Verhalten, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen? 

CV: Dies geschieht durch Information und Beteiligung. Die Information erfolgt durch ein spezielles Kommunikationskonzept, welches Nachhaltigkeitsbeiträge zielgruppengenau adressiert.  Außerdem bieten wir einmal jährlich für alle Mitarbeitenden einen vierstündigen Crashkurs zum Thema Nachhaltigkeit an, in dem wir face-to-face unser Klimaschutzkonzept zur Diskussion stellen. An vielen Stellen versuchen wir eine Beteiligung der Mitarbeitenden und Bewohner*innen zu ermöglichen. Im Rahmen der Erstellung eines neuen Verpflegungskonzeptes für die Altenzentren haben wir zum Beispiel Befragungen der Bewohner*innen durchgeführt und in einem ganztägigen Einführungsworkshop alle betroffenen Mitarbeitenden-Gruppen von der Hauswirtschaft über die Einrichtungsleitungen bis zu den Angehörigen einbezogen. Eine weitere Beteiligungsmöglichkeit besteht in der Teilnahme an dem Projekt KliX³, welches von KlimAktiv durchgeführt wird und allen Teilnehmenden die Erstellung eines persönlichen CO2-Fußabdrucks und eines persönlichen Klimaschutzplans ermöglicht.* Im Aufbau befindet sich die Einsetzung von Klimascouts in unseren rund 80 Einrichtungen. Für diese Aufgaben werden als Multiplikator*innen auf freiwilliger Basis  engagierte Mitarbeitende gesucht.

KA: Welche Rolle spielt soziale Gerechtigkeit beim Klimaschutz aus Ihrer Sicht? 

CV: Klimaschutz ist für die Caritas Köln nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein soziales Thema. Denn Menschen fliehen nicht nur vor Kriegen oder Regimen, sondern auch aus von Dürren oder Überschwemmungen betroffenen Regionen. Und auch für die Menschen in Köln gewinnt Klimaschutz zunehmend an Bedeutung, zum Beispiel wenn steigende Energiepreise, häufigere Extremwetterereignisse und notwendige Anpassungsmaßnahmen Haushalte mit geringem Einkommen überproportional belasten und bestehende soziale Ungleichheiten so verschärft werden. Deswegen ist Klimaschutz auch eine Frage der Verantwortung: sowohl für die Umwelt als auch für die Gesellschaft insgesamt.

KA: Wie kann verhindert werden, dass vulnerable Menschen bei der Klimaanpassung abgehängt werden?

CV: Aus Sicht der Caritas werden vulnerable Menschen nicht bzw. deutlich weniger abgehängt, wenn Klimaanpassung als sozialer Schutz begriffen wird. Dies erfordert den Erhalt sozialer Infrastruktur, finanzielle Entlastung bei Energiekosten, gesetzliche Schutzvorgaben und zielgerichtete Beratungsangebote.

KA: Wo sehen Sie aktuell die größten politischen Herausforderungen, wenn soziale Arbeit und Klimaschutz zusammengedacht werden sollen?

CV: Die größten politischen Herausforderungen beim Zusammenspiel von sozialer Arbeit und Klimaschutz liegen aktuell in der mangelnden Refinanzierung, der sozialen Ungerechtigkeit von Klimaschutzkosten und den starren sozialrechtlichen Rahmenbedingungen. Hier drei Beispiele:

  • Altenzentren, Kitas und Werkstätten für Menschen mit Behinderung müssen dringend energetisch saniert und hitzeresistent umgebaut werden. Es fehlt jedoch an verlässlichen Förderprogrammen, die speziell auf die gemeinnützige soziale Infrastruktur zugeschnitten sind.
  • Höhere Betriebskosten für nachhaltige Lebensmittel, klimafreundliche Energie oder bauliche Hitzeschutzmaßnahmen werden von den Leistungsträgern (z. B. Pflegekassen oder Kommunen) in den Pflegesatzverhandlungen oft nicht anerkannt oder refinanziert.
  • Die steigenden Kosten für CO₂ im Verkehrs- und Wärmebereich belasten einkommensarme Haushalte überproportional. Ein echter, direkter finanzieller Ausgleich (wie das politisch oft diskutierte Klimageld) ist bis heute nicht flächendeckend und unbürokratisch umgesetzt.

KA: Welche Unterstützung wünschen Sie sich von Politik und Kommunen für soziale Einrichtungen beim Klimaschutz?

CV: Die konkreten Wünsche an Politik und Kommunen lassen sich in drei zentralen Kernforderungen zusammenfassen:

  • Verlässliche, unbürokratische und vollständige Refinanzierung von Hitzeschutzmaßnahmen (Beispiele: Sonderförderprogramme auflegen, Refinanzierung von Klimaschutzmaßnahmen im Sozialrecht verankern).
  • Rechtssicherheit und verbindliche Rahmenbedingungen (Beispiele: Hitzeschutz als Pflichtaufgabe, rechtssichere Baustandards).
  • Beratung, Vernetzung und Bürokratieabbau (Beispiele: einfache Antragsverfahren, qualifizierte kommunale Sprechstellen).

Die Caritas Deutschland fordert daher als Teil der Freien Wohlfahrtspflege im Rahmen des Sondervermögens Infrastruktur und Klimaneutralität ein eigenständiges Förderprogramm für Klimaanpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen zur energetischen Sanierung von Sozialimmobilien der Freien Wohlfahrtspflege.

KA: Wie können soziale Einrichtungen Vorbild für andere Branchen sein?

CV: Soziale Einrichtungen können durch ihre Werteorientierung und ihre Nähe zum Menschen eine einzigartige Vorreiterrolle im Klimaschutz einnehmen. Während in der Wirtschaft oft die reine Rendite im Vordergrund steht, verknüpfen Wohlfahrtsverbände ökologische Nachhaltigkeit direkt mit sozialer Gerechtigkeit.

KA: Welche Chancen bietet die ökologische Transformation für den sozialen Bereich? 

CV: Die ökologische Transformation eröffnet dem sozialen Bereich erhebliche Chancen, um soziale Gerechtigkeit zu stärken, die Lebensqualität vulnerabler Gruppen direkt zu verbessern und soziale Einrichtungen zukunftssicher aufzustellen. Allerdings setzt dies voraus, dass die gesellschaftlichen, rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen auch geschaffen werden.

KA: Haben sich die Erwartungen jüngerer Mitarbeitender an nachhaltiges Handeln der Caritas verändert? 

CV: Ja, die Erwartungen gerade jüngerer Mitarbeitender an das nachhaltige Handeln haben sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Während früher das soziale Engagement eines Verbandes wie der Caritas als moralisches Fundament definiert wurde, fordern jüngere Beschäftigte heute eine konsequente Verknüpfung von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Gefordert wird zunehmend echte Transparenz und nachvollziehbare Verbesserung.

KA: Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wie sieht eine ideale soziale Einrichtung für Sie aus? 

CV: Im Jahr 2036 zeichnet sich eine ideale soziale Einrichtung durch drei Kernelemente aus: Klimaresilienz, Gemeinwohlorientierung im Quartier und ressourcenschonender Betrieb. 

KA: Vielen Dank an Dr. Christian Vater, Stab Nachhaltigkeitsmanagement der Caritas Köln, für das interessante Gespräch.

Seit ihrer Gründung vor 111 Jahren unterstützt die Caritas Köln Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Heute engagieren sich rund 2.300 Mitarbeitende und 1.600 Ehrenamtliche in über 80 Diensten und Einrichtungen für die Menschen der Stadt. Das Spektrum reicht von Kitas und Beratungsstellen über Altenzentren bis hin zu Angeboten für Menschen mit Behinderung. Weitere Informationen unter: www.caritas-koeln.de/nachhaltigkeit

 

* die Förderung für die Projektstelle von KlimAktiv ist inzwischen ausgelaufen, das Projekt wird weiterhin ehrenamtlich durch den Verein 3 fürs Klima betreut. Angebote zur Bewusstseinsbildung erhalten Sie in Kürze über unsere KlimAkademie.

 

© Bild: Christian Vater
© Logo: Caritas Köln

 

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